top of page
  • AutorenbildThomas

#2.18 Zu viert durchs Archipel

⌘ 06.08. - 10.08. Nagu - Hanko (FIN)

Im letzten Beitrag haben wir uns entschieden, Hanna anzubieten mit uns zu kommen.

Mit hängenden Schultern hatte sie sich bereits Zug- und Busverbindungen herausgesucht und mit Ihrem Schicksal arrangiert. Unsere Offerte zaubert ihr nach kurzer Überlegung jedoch wieder ein breites Lächeln ins Gesicht.


Ab jetzt zu viert

Gesagt, getan und so sind wir nun zu viert an Bord.

Ihre ersten Worte, als sie den Niedergang herab steigt: "Wow, that´s a golden Palace." Nach dem Kompliment machen wir stolz eine Tour durchs Boot, richten ihre Koje her und halten eine kleine generelle und sicherheitsspezifische Besprechung. Als Segel-Tramperin hat sie bereits reichlich Seemeilen gesammelt. Auch schon auf dem Atlantik. Ihre Erfahrung macht sich direkt an den sicheren Bewegungen bemerkbar, was mich deutlich entspannen lässt.


Party crashen, dann ablegen...

Das wir nun drei Segler sind, zahlt sich direkt beim Ablegen aus. Doch vorher wird noch eine Party gecrasht.

Wir bereiten das Schiff zum Auslaufen vor, während auf dem Nachbarboot der Crewwechsel gefeiert wird. Die Gruppe sitzt gemütlich bei Prosecco im Cockpit und erfreut sich des Lebens. Dann wird es Zeit für ein Erinnerungsfoto und Shaima offeriert ihre Hilfe. Kein Problem sollte man meinen - die Sorge, das Smartphone der beschwipsten Crew im Wasser suchen zu müssen bleibt unbegründet. Stattdessen wird der Cockpittisch mitsamt der gut gefüllten Gläser beim Überreichen abgeräumt. Oh jeh! Doch nach kurzem Schreck sind die Gläser erneut gefüllt, das Malheur mit viel Lachen genommen und seelig in die Linse gelächelt.

Das ist unser erster Kontakt mit Sirpa, die später noch eine großartige Rolle übernehmen wird.


Zurück zum Ablegen...

...wir wollen schließlich los. Eine anspruchsvolles Unterfangen, denn mit durchschnittlich 20kn und Böen über 30kn von der Seite drückt es ordentlich.

Zu zweit hätten wir den engen Hafen vermutlich nicht verlassen, so ist es aber kein Problem.

Die Mädels fieren die Leinen kontrolliert und Ari zieht sich rückwärts langsam und kontrolliert aus der Box. Kaum ist die Vorleine los, schwingt der Bug herum und das Boot liegt ruhig mit dem Heck im Wind. In aller Ruhe werden die Leinen klariert und Fender verstaut. Kein Hauruck, kein Schnell Schnell, keine Schweißperlen auf der Stirn. Der Auftakt war schon mal super!

Auch der zuvor ängstlich schauende Plastikboot-Kapitän, der sich die Box mit uns teilte, nickt nach dem Manöver Respekt zollend und sichtlich erleichtert zu. Wir sind genauso froh, wie er. Die Prosecco-Bande wünscht uns abermals einen tollen Törn.

Und den haben wir. Wir kommen in den Genuss, einiger rasanter Meilen. Das Wasser ist absolut glatt, der Wind hingegen extrem böig und wechselnd. Ari legt sich immer wieder sportlich auf die Seite und gewinnt an Fahrt. Richtet sich wieder auf, gleitet durch das Windloch und krängt dann erneut.

Wir genießen es, denn laut Vorhersage wird das der vorerst letzte Segeltag.

Dann suchen wir uns spontan einen Ankerplatz nah am Fahrwasser. Zum Aufkreuzen ist es zu eng und auf den Diesel haben wir keine Lust. Zumal morgen Flaute herrschen soll und es damit deutlich entspannter zugehen könnte.

Hanna findet es zunächst etwas seltsam.

Sie ist es nicht gewohnt, dass so spontan entschieden und einfach irgendwo geankert wird. Bei ihrer vorherigen Segelgelegenheit lief es ziemlich gegenteilig - Alles wurde genau vorgeplant und nur im äußersten Notfall geankert. Immer alles mit einer großen Portion Nervosität und Unsicherheit, dabei aber immer autoritär nach dem Motto "Captain is next after God". Eine durchaus brisante Mischung!

Von unserer Routine, die mittlerweile häufig ganz ohne Worte auskommt, ist sie beeindruckt. Sie sagt, dass bei uns ein völlig harmonischer und respektvoller Vibe an Bord und bei den Manövern herrsche - Sie habe das schon häufig anders erlebt.

Schön, mal von außen Feedback zu erhalten und zu erfahren, wie wir so auf andere wirken.


Auf einen kurzen intensiven Segeltag mit reichlich Zeit zum Ankern, Kennenlernen und Entspannen, folgt ein längerer. Der Wind hat nachgelassen, ist aber glücklicherweise noch nicht ganz verschwunden. Der Diesel darf sich weiter ausruhen, stattdessen werden die Reffs ausgebunden, die Fock verstaut und die Genua ausgerollt. Wir kommen abermals gut voran, ehe der Wind dann doch zu schwächeln beginnt und die Sonne dafür aufdreht. Erneut fragen wir uns: Heute schon motoren und Strecke machen oder nochmal abwarten und das Glück erneut herausfordern?

Die Entscheidung fällt auf Letzteres, denn unser Zeitpuffer ist noch riesig. Wir haben noch neun Tage Zeit für ca. 85NM. Also keine 10NM pro Tag.

Und so kommt es, dass wir zwei Tage in der Bucht namens „Kyrkeviken“ verbringen.

Auf dem nördlichen Teil der Insel hat sich ein Segelverein mit Privatanlage breit gemacht sodass wir zunächst im südlichen Teil vor Anker und später direkt mit dem Heck an die Felsen von „Lilla Krokön“ gehen. Für alle die nun direkt aufschreien, wie leichtsinnig das ist und wie gefährdet das Ruder…ruhig Blut. Der Fels fällt unter Wasser negativ ab und so müssten wir uns zunächst das Heck ordentlich ramponieren, um überhaupt in die Nähe des Ruders zu kommen. Nachts ziehen wir uns, wie immer an einer Schäre, einige Meter davon weg. Sicher ist sicher...

Herrlich bequem, einfach in einem großen Schritt von der Badeplattform an Land zu gelangen. Selbst Judy schafft es selbstständig.

Wir verbringen die Zeit mit Gesprächen bei Kaffee, gemeinsamem Kochen, getrennten Spaziergängen. Wir baden und erkunden die Insel, Bauruinen und alte Geschütze. Immer wieder kommen wir natürlich zusammen, ehe wieder jeder seines Weges geht. Dabei spielt auch das Wetter, abgesehen von einem intensiven Sommerregen, wieder mit. Die Sonne ballert vom Himmel, wenngleich der Wind dadurch komplett einschläft. Ein schöner Stop, den wir nur jedem empfehlen können und an dem man, sofern es durch das Archipel nach Helsinki geht, automatisch vorbei kommt. Aber Vorsicht: Durch die Lage ist es ein beliebtes Ziel, das zur Hochsaison (zu) voll werden kann.

Die Anfahrt ist unproblematisch, sollte aber sehr aufmerksam erfolgen. Links und rechts lauern direkt Felsen. Einfach mittig bleiben und langsam vortasten!


Partyhafen Nr.1: Hanko

Nach zwei Nächten verlassen wir diesen wunderschönen Ort wieder und machen uns auf, die südlichste Stadt Finnlands zu erreichen. Leider unter Maschine, denn es herrscht absolute Flaute.

Hanko ist DER Partyhafen der Finnen, Für uns kein Wunschziel, doch möchte uns Hanna dort schon wieder verlassen. Strategisch sei der Ort für sie perfekt gelegen, um noch diverse Angelegenheiten zu erledigen, ehe sie von Helsinki zu den Åland-Inseln reist, um einen Job zur Apfelernte anzutreten.

Der Yachthafen ist für finnische Verhältnisse tatsächlich sehr groß. Es liegen viele große Motoryachten und auffallend wenig Segelboote im Wasser.

Apropo Party, Hanna möchte ebenfalls Abschied feiern und sich bei uns bedanken. So überrascht sie uns nach kurzer Abwesenheit mit Prosecco und Knabberkram. Nach anfänglicher Euphorie ist sie es aber auch, die plötzlich auf der Couch in Tiefschlaf fällt. Sie bleibt uns ein lieb gewonnenes Rätsel!

Am nächsten Vormittag begleiten wir sie noch ein Stück.

Hyvästi Hanna, es war uns eine große Freude mit dir Zeit zu verbringen!

Den restlichen Tag vertrödeln wir mit der Erkundung des Ortes und Sonnenbaden.

Hanko hat einen wirklich schönen historischen Teil mit alten Holzhäusern und viel Geschichte. Durch die strategisch wertvolle Lage, hat die Stadt viel durchleben und aushalten müssen. Zahlreiche Infotafeln, Mahnmale und Skulpturen zeugen davon.

Gleichzeitig gibt es einen modernen Teil im Stil "Hafencity". Wie überall, wo diese Quartiere entstehen, wird auch hier über Sinn und Gestaltung gestritten. Und tatsächlich sehen sie so aus, wie überall anders auch. Getreu dem Motto: Kennst du eine, kennst du alle.


Weg hier, das Poker Run kommt!

Am nächsten Morgen brechen wir wieder auf, denn das „Poker Run“ nimmt den Hafen in Beschlag.

Für alle, denen das "Poker Run" nichts sagt: Es ist ein Powerboat-Festival. Die finnische Ausgabe führt mit teils über 75kn durch das Archipel und läuft verschiedene Häfen an. Das bedeutet sehr viel Gewusel, laute Party, Testosteron im Überfluss und sehr viel Krach von riesigen Motoren mit hauptsächlich offenen Auspuffanlagen.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe V8-Sound. Aber dem Lifestyle dieser Gemeinschaft kann ich nur noch sehr wenig abgewinnen. Und ob solch ein Festival in Anbetracht der Lage noch angemessen ist?! Aber lassen wir das...ein sehr schwieriges, wie vielschichtiges Thema.

Das nahe Übungsgebiet des Militärs tut überdies sein übriges. Immer wieder kreisen Hubschrauber über uns und das donnern der Marineschnellboote hallt herüber. Dazu gesellen sich immer wieder Geschützsalven und Detonationen.

Ein seltsames Gefühl mit seiner kleinen heilen "Komm wir segeln und entdecken die Welt"-Bubble so nah an sowas dran zu sein. Insbesondere in Anbetracht der aktuellen politischen Lage und Nähe zu Russland. Bis zur Grenze sind es nur knapp 130NM.


Bevor wir ablegen, treffen wir auf alte Bekannte. Die Prosecco-Crew hat wieder direkt neben uns festgemacht und so kommen wir dieses Mal ausgiebiger ins Gespräch.

Lange Rede, kurzer Sinn…wir haben erneut tolle Reisetipps, versteckte Ankerplätze und Sirpas Nummer bekommen. Sie würde uns gerne ihr Helsinki zeigen. Die Finnen sind wirklich so so offene und herzliche Menschen.


Und die Meilen mit Hanna?

Es ist ein kurzer und intensiver Trip mit ihr gewesen und für uns eine gute Möglichkeit zu fühlen, wie es mit fremden Gästen an Bord so sein kann.

Wohl so ziemlich jeder Langfahrer spielt mit dem Gedanken, die Bordroutine aufzubrechen und seine Bordkasse aufzubessern. Wir besprechen und diskutieren und kommen am Ende doch zu keinem klaren Ergebnis. So eine fremde Person ist schon ein großer Eingriff in diesen kleinen Kosmos, der sich auf einem Boot unweigerlich entwickelt. Zum einen störend, ist es aber auch bereichernd. Zeigt es beispielsweise auf, was für seltsame Marotten sich eingeschlichen haben. Gleichzeitig erweitert es den Horizont in jeglicher Hinsicht. Sei es kulinarisch oder auch geistig durch den Austausch. Mit Hanna und ihrem abwechslungsreichen Lebenslauf war es sehr erfrischend und interessant. Es war vielleicht ein Glücksgriff und sie ohnehin kein zahlender Gast...die Erwartungshaltung war eine ganz andere. Mal sehen, wie sich das entwickelt...


Nun legen wir aber wirklich ab. Wohin, das erfahrt ihr beim nächsten Mal!





コメント


bottom of page